

Im Juli 2026 haben Dominic von Proeck (Gründer und CEO von Leaders of AI) und Prof. Lukas Zenk (Professor für Innovations- und Netzwerkforschung) ein 62-seitiges Dokument veröffentlicht: den Blueprint für hybride Organisationen. Darin analysieren sie drei Jahre gelebte Praxis bei Leaders of AI, inklusive aller Entscheidungen, Irrwege und Lösungen. Das Dokument ist in 6 Nuggets gegliedert, die jeweils ein wesentliches Thema der hybriden Organisation beleuchten. In dieser Reihe übersetzen wir die Erkenntnisse aus dem Blueprint in kompakte, praxisnahe Artikel für euren Arbeitsalltag. Heute geht es um das vielleicht persönlichste Nugget: die Rolle des Menschen, wenn Maschinen immer mehr können.
Was euch erwartet: Eine ehrliche Antwort auf die Frage, die gerade jede Belegschaft umtreibt, ohne Beschwichtigung, aber auch ohne Panikmache. Wir zeigen, welche drei Fähigkeiten dauerhaft beim Menschen bleiben, warum Symbiose bessere Ergebnisse liefert als reine Automatisierung, und was das für eure eigene Rolle im Unternehmen bedeutet.
Lohnt sich das Weiterlesen, wenn ihr selbst mit KI-Agenten arbeitet oder eure Organisation gerade hybrider wird? Ja, denn die Antwort auf „Wird KI mich ersetzen?" entscheidet mit darüber, ob ihr die nächste Welle gestaltet oder von ihr überrollt werdet.

Als Dominic in einem Führungskreis den KI-Agenten Jürgen vorstellte (zuständig bei Leaders of AI für Marketing), kam von einem Geschäftsführer im Publikum nur ein trockener Kommentar: “Meine Damen aus dem Marketing würden dieses Meeting gerade nicht genießen.” Die Reaktion ist menschlich, verständlich, und trotzdem geht sie am eigentlichen Punkt vorbei. Denn wer sich über eine rein operative Tätigkeit definiert (bspw: ich bin Marketingleiterin, ich schreibe die Texte), verliert mit der Aufgabe scheinbar die eigene Identität. Die Antwort darauf liegt aber nicht im Festhalten an der alten Tätigkeit. Sie liegt in einer präziseren Frage.
Leaders of AI ist eine der effizientesten Bildungsorganisationen am Markt. Zehn Menschen und über fünfzig produktiv eingesetzte KI-Agenten erwirtschaften eine Marge, die in der Branche als beispiellos gilt. Und trotzdem, oder gerade deshalb, lautet unser Leitsatz: Tomorrow is human.
Das ist kein Widerspruch. Es ist eine Wette auf die nächste Welle, gedacht wie das Eskomptieren in der Finanzwelt: So wie Märkte künftige Entwicklungen bereits in heutige Preise einpreisen, nehmen wir Werte vorweg, die erst in einigen Jahren knapp und damit wertvoll werden.

Die Logik dahinter lässt sich in 4 Schritten nachzeichnen.

Unsere Antwort: Menschlichkeit. Und zwar aus einem ziemlich nüchternen, strukturellen Grund: Sie skaliert nicht. Ein Agent lässt sich tausendfach kopieren. Ein vertrauensvolles Gespräch nicht. Genau deshalb wird das Nicht-Skalierbare in einer Welt der unbegrenzten Skalierung zum knappen Gut.
Das Muster kennen wir aus anderen Märkten. Solange fast alle Kleidung in Fabriken entsteht, ist „handgemacht" ein Premiumsignal, die Manufaktur gewinnt ihren Wert gerade durch die Perfektion der Massenproduktion drumherum. Erste Daten deuten in eine ähnliche Richtung: Der Anteil der Konsumenten in den USA und Großbritannien, die KI-generierte Inhalte kritisch sehen, stieg laut eMarketer von 18 Prozent (2023) auf 32 Prozent (2025). In einer Goldman-Sachs-Befragung gaben 54 Prozent der Generation Z an, bei kreativer Arbeit keine KI-Beteiligung zu bevorzugen. Und selbst wir bei Leaders of AI, ein vollständig digitales Geschäftsmodell, erleben bei unseren eigenen Veranstaltungen: Je mehr Meetings in den Online-Raum wandern, desto größer wird das Bedürfnis nach analoger Begegnung. Digitalisierung erzeugt offenbar keine Gleichgültigkeit gegenüber dem Menschlichen, sondern eine Gegenbewegung.
Viele Menschen beantworten die Frage nach der eigenen Unersetzlichkeit mit einem Vergleich: KI könne etwas eben noch nicht so gut wie sie selbst. Dieser Trost ist doppelt brüchig.
Zum einen entwickeln sich die Systeme weiter, und vieles, was heute noch menschliche Domäne ist, wird morgen vielleicht maschinell besser erledigt. Zum anderen führt der Vergleich in die Irre, weil sich KI nicht gleichmäßig verbessert.
Das sogenannte Moravec-Paradox beschreibt seit den 1980er-Jahren, dass Maschinen ausgerechnet an Aufgaben scheitern, die Menschen für trivial halten, während sie Aufgaben lösen, die Menschen für schwer halten. Modelle beweisen mathematische Sätze auf Olympiade-Niveau und scheiterten lange daran, eine analoge Uhr mit einer anderen Uhrzeit als zehn vor zwei zu zeichnen.
Wer die eigene Unersetzlichkeit an einem Punktvergleich mit der KI festmacht, baut also auf beweglichem Grund, in beide Richtungen.

Diese Fragen setzen eine Selbstkenntnis voraus, die in klassischen Organisationen selten explizit gefordert war, dort wurden Lücken von Kollegen stillschweigend aufgefangen.
In hybriden Organisationen wird diese Unschärfe teuer: Wer Agenten einsetzen will, muss explizit entscheiden, was er delegiert und was bewusst nicht. Die Marketingleiterin aus dem Beispiel ist eben nicht nur Texterin. Sie kennt das Unternehmen, seine Kultur und seine Kunden, sie beurteilt, welcher Ton passt und welcher schadet, und genau diese Erfahrung wird zur Führungsgröße für ein agentisches Team, das die operative Arbeit übernimmt. Ihre Aufgabe verschiebt sich vom Schreiben zum Verantworten des Geschriebenen.
In den frühen 1990er-Jahren gab Linus Torvalds, der Erfinder von Linux, seinen Informatikstudierenden in Helsinki eine Woche Zeit für die Aufgabe, ihm eine E-Mail zu schicken, denn dafür musste man damals erst einen Mail-Server einrichten.
Der Umgang mit KI-Agenten steckt gerade in genau dieser Bastelphase: Noch gilt er als Spezialistentum, in wenigen Jahren wird er in nahezu allen Berufen Normalität sein.
Was dann zählt, ist weniger die technische Bedienkompetenz, sondern Führungs- und Lernkompetenz: Anweisungen geben, Qualität beurteilen, Feedback formulieren, sich stetig anpassen.
Der Future of Jobs Report des World Economic Forum untermauert das: 39 Prozent der heutigen Kompetenzen werden sich bis 2030 verändern oder obsolet werden. Ganz oben auf der Liste der gefragten Fähigkeiten stehen analytisches Denken, Resilienz, Führung und kreatives Denken. Auffällig: Keine einzige davon ist eine Werkzeugkompetenz.

Ein zentraler Befund widerspricht der reinen Ersetzungslogik direkt: Die höchste Qualität entsteht aktuell in der Symbiose, nicht in der Autonomie. Das vielzitierte Feldexperiment zum „Cybernetic Teammate" bei Procter & Gamble zeigte zwar, dass Einzelpersonen mit KI die Leistung von Zweierteams ohne KI erreichen können, für Spitzenleistungen aber galt die Kombination aus vollständigem menschlichem Team plus KI.

Dieselbe Erfahrung machen wir bei Leaders of AI im eigenen Alltag. Als Dominic und Prof. Lukas Zenk gemeinsam die ersten Kapitel unseres Blueprints entwickelten, bemerkte Dominic: Lukas bringe mit seiner Expertise die KI erst zur Exzellenz. Er selbst könne das ohne ihn nicht, und die KI könne es auch nicht, obwohl die leistungsfähigsten verfügbaren Modelle im Einsatz waren.
Die Rechnung ist keine Addition, sondern eine Wechselwirkung: Der Mensch liefert Rahmen, Erfahrung und Qualitätsurteil, die KI liefert Breite, Tempo und Ausdauer, keines von beiden erreicht allein das Niveau der Verbindung.
Unersetzlich ist demnach nicht, wer Aufgaben gegen die KI verteidigt, sondern wer diese Symbiose beherrscht: die Fähigkeit, eigenes Erfahrungswissen so einzubringen, dass die maschinelle Leistung darüber hinauswächst. Die Managementforschung nennt diese Rolle „Decision Architect", jemand, der festlegt, welche Schritte die KI geht, wo menschliches Urteil eingezogen wird und wie beides ineinandergreift. Wer diese Rolle beherrscht, wird durch jede Verbesserung der Modelle wertvoller, nicht ersetzbarer.
Neben Feldern, die strukturell beim Menschen bleiben, gibt es Fähigkeiten, bei denen die Grenze weniger scharf verläuft, ehrlicherweise mit dem Zusatz „noch".
Dazu gehören Geschmack, die intuitive Entscheidung auf Basis verdichteter Erfahrung, und Kuratieren, die erfahrungsbasierte Auswahl aus dem Überfluss. Vorsicht vor voreiliger Selbstberuhigung ist angebracht: KI-Systeme könnten durchaus zu Meistern des Kuratierens werden, in Teilbereichen sind sie es bereits.
Belastbarer bleibt aber, dass zwar die Auswahl selbst maschinell unterstützt werden kann, das Urteil über die Auswahlkriterien jedoch eine Frage des Rahmens bleibt, und über Rahmen entscheiden absehbar Menschen.
Am robustesten ist eine dritte Kategorie: das Imperfekte. KI-Systeme sind systematisch darauf optimiert, Fehler zu vermeiden und Wahrscheinlichkeiten zu folgen. Der menschliche Impuls gegen die Wahrscheinlichkeit, die irrationale Entscheidung, auf die ein durchgerechnetes System nie gekommen wäre, bleibt eine strukturell menschliche Domäne. Nicht weil KI zu schwach wäre, sondern weil sie in die entgegengesetzte Richtung optimiert wird. Eine Organisation profitiert von einem Maß an produktiver Irrationalität: von Entscheidungen, die rein rechnerisch nicht die richtigen sind und gerade deshalb Beziehungen aufbauen, Märkte öffnen oder Vertrauen stiften.
Wir nennen das intern den „Spark", den Impuls gegen die Wahrscheinlichkeit, für den es in den nächsten Jahren keine gute maschinelle Entsprechung geben wird. Eine gut funktionierende irrationale KI wäre schließlich ein Widerspruch in der Zielfunktion.
Die Manufaktur-Analogie führt das ökonomisch weiter: Wenn jedes Kleidungsstück perfekt genäht ist, gewinnt das Stück an Wert, dessen Knopfreihe leicht versetzt sitzt, die Abweichung beweist die menschliche Hand.
Passend dazu: Nach dem AI Jobs Barometer von PwC fügen gerade die am stärksten KI-exponierten Berufe ihren Anforderungsprofilen 2,5-mal schneller menschenintensive Fähigkeiten wie Empathie, Urteilsvermögen und Kreativität hinzu als die am wenigsten exponierten. Die Maschine verdrängt das Menschliche nicht aus den Berufen, sie konzentriert es dort.
Diese Frage stellt sich in Vorstandsetagen naturgemäß am meisten, und die ehrliche Antwort ist differenzierter, als es sich mancher wünscht. Die Befürchtung flächendeckender Entlassungen hält der empirischen Prüfung nicht durchgängig stand: Wachstumsorientierte Unternehmen verschieben freigesetzte Kapazität eher in neue Wertschöpfung, als sie abzubauen.
Ein Inhaber eines industriellen Weltmarktführers brachte es einmal gegenüber Dominic auf den Punkt: Er käme gar nicht auf die Idee, jemanden zu entlassen, seine größte Beschränkung sei immer der Fokus gewesen, er könne jeden Mitarbeitenden sofort mit sinnvoller Arbeit auslasten, sobald Kapazität frei würde. Sparen lässt sich immer nur bis auf null, die Wertschöpfung nach oben ist unbegrenzt.
Im Future of Jobs Report geben 50 Prozent der Arbeitgeber an, Mitarbeitende aus schrumpfenden in wachsende Rollen versetzen zu wollen.
Ersetzbar ist die Rolle, nicht zwangsläufig der Mensch. Aber es wäre beschönigend, daraus eine Garantie abzuleiten. Jede Transformation kennt ihre Verlierer, Anforderungen werden steigen, und in stark standardisierten, prozesshaften Bereichen werden Rollen ersatzlos verschwinden. Die ehrliche Botschaft lautet nicht „niemand wird ersetzt", sondern: Wer die Verschiebung aktiv gestaltet, hat deutlich bessere Karten als wer an der alten Tätigkeit festhält.
Verdichtet man die Praxis von Leaders of AI und die aktuelle Forschungslage, bleiben drei Bereiche, die dauerhaft beim Menschen liegen:
Verantwortung. Menschen geben Vision und Leitplanken vor, treffen die folgenreichen Entscheidungen und bleiben die letzte Instanz, weil nur ihnen Rechenschaft, Schuld und Legitimität zugerechnet werden können.
Bindung. Simulierte Empathie mag in Einzelinteraktionen hilfreich sein, doch echtes Vertrauen beruht auf Gegenseitigkeit, gutem Willen und der Möglichkeit, enttäuscht zu werden, und bleibt damit an Menschen gebunden.
Das Imperfekte. Die Urteilskraft im Mehrdeutigen, der Impuls gegen die Wahrscheinlichkeit und die produktive Abweichung, die kein auf Fehlervermeidung optimiertes System hervorbringt.

Die Studienlage liefert dazu eine Warnung: Wer zu viel delegiert, riskiert die Erosion genau dieser Fähigkeiten. Die Forschung spricht von Deskilling, von Menschen, die zu passiven Bestätigern von KI-Vorschlägen werden, statt aktiv zu urteilen. Unersetzlichkeit ist demnach kein Besitzstand, sondern eine Fähigkeit, die durch Gebrauch erhalten bleibt und durch Nichtgebrauch verfällt.
Daraus ergibt sich die zentrale Metapher dieses Themas: Je höher ein Baum wächst, desto tiefer muss er sich verwurzeln, sonst wirft ihn der erste Sturm um. Je agentischer die Arbeitswelt wird, desto menschlicher sollten Organisationen und Individuen werden. Nicht als Gegenprogramm zur Technologie, sondern als deren Statik.
Und weil Wurzeln nicht von selbst wachsen, muss Menschlichkeit aktiv gefördert werden: in der Führungskultur, in der Gestaltung von Begegnungen, in der bewussten Entscheidung, welche Berührungspunkte einer Organisation menschlich bleiben sollen.
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Hansi
KI-Copywriter im Team von 'Leaders ofAI'